Citizen Developer: Wie Fachbereiche zu Mitgestaltern der digitalen Transformation werden
- Julia Volckmer

- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

In letzter Zeit taucht der Begriff „Citizen Developer" häufiger auf – in Stellenanzeigen, auf Konferenzen, in Strategiepapieren. Aber was steckt eigentlich dahinter? Und warum sprechen Häuser wie AT&T, ING, PwC oder Johnson & Johnson plötzlich davon, als sei es die nächste große Welle nach Cloud und Agile?
Ganz einfach gesagt: Ein Citizen Developer ist eine Person aus dem Fachbereich – Marketing, Controlling, Vertrieb, Operations – die mit Low-Code- oder No-Code-Tools eigenständig kleine Anwendungen und Automatisierungen baut. Ohne Informatikstudium. Ohne monatelange Wartezeit auf die IT. Aber auch: nicht als Ersatz für die IT, sondern als Ergänzung innerhalb klarer Leitplanken.
In diesem Beitrag schauen wir uns an, warum das Thema gerade jetzt Fahrt aufnimmt, welche Chancen und Risiken damit verbunden sind – und wie Unternehmen den Einstieg konkret gestalten können.
Warum jetzt? Zwei Entwicklungen treffen aufeinander
Zwei technische Trends sorgen dafür, dass Citizen Development heute funktioniert, während ähnliche Versuche vor zehn Jahren noch gescheitert sind.
Erstens: No-Code-/Low-Code-Plattformen sind erwachsen geworden. Was früher Programmcode war, ist heute Drag-and-Drop. Eine Nutzerin lädt eine Tabelle hoch, wählt ein paar Optionen aus einem Dropdown-Menü – und die Plattform baut daraus ein funktionierendes Modell oder einen kleinen Prozess. So wie die klickbaren Icons von Windows einst die kryptischen DOS-Befehle ablösten, ersetzen No-Code-Oberflächen heute Programmiersprachen.
Zweitens: Generative KI senkt die Einstiegshürde noch einmal drastisch. Wer nicht weiterkommt, beschreibt das Problem einfach im Chat – und die KI liefert den nächsten Schritt. Künftig reicht es, einer generativen KI zu beschreiben, wie die Software aussehen soll – den Rest übernimmt das Tool. Das ist nicht Zukunftsmusik, sondern bereits heute Realität.
Zusammen verändern diese beiden Entwicklungen ein Grundmuster, das Unternehmen seit Jahrzehnten prägt: die klassische Zweiteilung in diejenigen, die Software entwickeln (IT), und diejenigen, die sie nur nutzen (alle anderen). Fachbereiche waren bislang reine Anwender – jedes Änderungswunsch landete als Ticket bei der IT, und die hatte meistens eine lange Warteschlange.
Drei Praxisbeispiele für Citizen Developer
ING stand vor einem klassischen Problem: Die Bankengruppe brauchte mehr Machine-Learning-Modelle, hatte aber in vielen Ländern nicht genügend Data-Science-Spezialisten. Statt weiter zu warten oder teuer einzukaufen, begann die ING, eigene Mitarbeitende auszubilden. Die entwickelten dann beispielsweise Modelle, die vorhersagen, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Kundin auf eine App-Benachrichtigung klickt oder auf eine E-Mail-Kampagne reagiert. Nebeneffekt: Die begehrten Data Scientists verlieren keine Zeit mehr mit repetitiven Datenaufbereitungsaufgaben und können sich auf die wirklich komplexen Fragestellungen konzentrieren.
PwC hat 2017 ein Programm namens „Digital Accelerators" aufgesetzt. Mitarbeitende belegen freiwillig Onlinekurse, erhalten nach erfolgreicher Zertifizierung Zeit für eigene Projekte und dürfen an internen oder kundenbezogenen Anwendungen arbeiten. Geplant waren ursprünglich 500 Freiwillige – am Ende waren es 2.000. Ein Beispiel: Eine Kollegin aus der Steuerabteilung entwickelte ein Programm zur automatischen Datenextraktion aus unterschiedlichen Tabellen. Die Anwendung spart pro Abschlussprüfung 40 Arbeitsstunden und ist inzwischen konzernweiter Standard.
AT&T geht am weitesten. Hunderte professionelle Data Scientists arbeiten dort Seite an Seite mit Tausenden Citizen Developers. Der Konzern hat eine komplette Infrastruktur aufgebaut: einen Feature-Store mit über 26.000 wiederverwendbaren Modellbausteinen, einen internen Bot-Marktplatz, ein Automation Center of Excellence und wöchentliche KI-Demokratisierungs-Foren, an denen rund 200 Mitarbeitende teilnehmen. Das Ergebnis: über 3.000 aktive Bots, rund 17 Millionen eingesparte Arbeitsminuten pro Jahr und eine zwanzigfache Investitionsrendite.
Die Sorgen sind real – aber lösbar
Wer Citizen Development einführen will, trifft in der IT selten auf ungeteilten Jubel. Die Bedenken sind nachvollziehbar: Was, wenn minderwertige Systeme entstehen, die die IT später aufräumen muss? Was, wenn jede Abteilung ihr eigenes Mini-System baut und niemand mehr den Überblick hat? Was, wenn die Entwicklerin eines geschäftskritischen Tools das Unternehmen verlässt – und niemand versteht mehr, was sie gebaut hat?
Diese Risiken sind real. Beispiele aus einem europäischen Telekommunikations-unternehmen: Ein vergessener Loop in einem RPA-Bot führte dazu, dass versehentlich kostenlose iPhones an Kunden verschickt wurden. Ein zweiter Bot schrieb Kunden Geld gut, das ihnen nicht zustand.
Gleichzeitig – und das ist die wichtigere Beobachtung – gibt es keinerlei Belege für langfristige Probleme. Die Fehler waren vorübergehende Holperer, keine strukturellen Katastrophen. Das eigentliche Risiko ist ein anderes: dass Unternehmen ihr Innovationspotenzial ungenutzt lassen, weil sie sich vom Widerstand der IT bremsen lassen oder es versäumen, die passende Infrastruktur aufzubauen.
Die fünf Erfolgsfaktoren
Aus den Erfahrungen lassen sich fünf Bausteine destillieren, die über Erfolg oder Scheitern entscheiden:
1. Die richtigen Leute finden. Nicht jede und jeder wird Citizen Developer. Johnson & Johnson achtet beispielsweise auf logisches Denken, technisches Verständnis, Lernfähigkeit und Erfahrung mit regelbasiertem Arbeiten. Oft gibt es im Unternehmen bereits Menschen, die inoffiziell mit Excel-Makros oder kleinen Skripten experimentieren – sie sind die natürlichen Kandidaten für einen formalen Aufruf.
2. Ausbilden und zertifizieren. Ganz ohne Training geht es nicht – aber auch nicht nur mit einem Informatikstudium. Die untersuchten Unternehmen kalkulieren im Schnitt mit 40 bis 80 Stunden Schulung. AT&T bietet ein 40-stündiges Programm, manche Firmen setzen ergänzend auf Hackathons, um das Gelernte direkt anzuwenden.
3. Infrastruktur bereitstellen. Citizen Developer brauchen standardisierte Tools, Zugriff auf geprüfte Daten und klare Leitplanken für Sicherheit und Datenschutz. Hubs, interne Marktplätze und Bibliotheken wiederverwendbarer Komponenten beschleunigen die Arbeit enorm – und verhindern, dass jede Person das Rad neu erfindet.
4. Peer-Learning fördern. Citizen Developer sind weder klassische Fachexperten noch klassische ITler. Sie brauchen eine eigene Community, in der sie Lösungen zeigen, voneinander lernen und bei Frust nicht allein dastehen. Regelmäßige Formate wie interne Demo-Tage, Workshops oder Foren sind hier Gold wert.
5. Ergebnisse messen. Solange der Mehrwert unklar bleibt, werden Investitionen in Frage gestellt. Am einfachsten ist es, die eingesparte Zeit zu erfassen. Bei manchen Unternehmen geht das in die Millionen Minuten pro Jahr. Der spannendere Folge-Dialog lautet dann: Was macht das Unternehmen mit dieser gewonnenen Zeit?
Was bedeutet das für die IT?
Citizen Development ersetzt die IT nicht – das lässt sich gar nicht oft genug wiederholen. Die Rolle verschiebt sich aber deutlich. Die IT wird weniger zum Ausführenden jedes einzelnen Wunsches und mehr zum Ermöglicher, Prüfer und Wächter: Sie stellt Plattformen bereit, definiert Leitplanken, zertifiziert kritische Anwendungen und konzentriert sich selbst auf die komplexen Systeme, wo ihre Expertise wirklich unersetzlich ist.
Genau hier liegt übrigens auch eine Chance für die IT: Das ewige Ticket-Backlog wird kleiner, weil viele Kleinstanfragen im Fachbereich selbst gelöst werden. Das frei werdende Expertenwissen lässt sich auf die Projekte lenken, wo es den größten Hebel hat.
Fazit: Geschwindigkeit mit Struktur
Citizen Development ist kein Wundermittel und kein Ersatz für gute IT-Arbeit. Es ist der Versuch, eine strukturelle Schwachstelle zu beheben: die wachsende Kluft zwischen dem, was Fachbereiche an digitaler Unterstützung brauchen, und dem, was die IT in vertretbarer Zeit liefern kann.
Richtig umgesetzt bedeutet Citizen Development Geschwindigkeit mit Struktur: schneller von der Idee zur Anwendung, aber innerhalb klarer Regeln und mit der IT als Partner, nicht als Flaschenhals. Die Unternehmen, die damit heute schon experimentieren, zeigen, dass es funktioniert – wenn man es ernst nimmt und nicht dem Zufall überlässt.
Die gute Nachricht: Man muss nicht bei null anfangen. Für den Einstieg haben sich zwei Plattformen besonders bewährt, die sehr unterschiedliche Stärken mitbringen. Microsoft Power Apps ist der naheliegende Startpunkt für alle, die ohnehin im Microsoft-Kosmos unterwegs sind – nahtlose Integration mit Microsoft 365, Teams, SharePoint und Dataverse, dazu Power Automate für Workflows und Power BI für Auswertungen. Ideal, um schnell erste Erfolge im Fachbereich sichtbar zu machen. Creatio Studio geht einen Schritt weiter und richtet sich an Unternehmen, die komplexere Prozesse abbilden wollen – mit einem starken Fokus auf CRM, BPM und durchgängige Workflow-Automatisierung. Wo Power Apps in der Breite glänzt, spielt Creatio seine Stärken dort aus, wo Geschäftsprozesse tiefer strukturiert und mit KI angereichert werden sollen.
Welche Plattform die richtige ist, hängt weniger vom Tool selbst ab als von der Ausgangslage: bestehende Systemlandschaft, Prozessreife, Governance-Anforderungen. Genau hier begleiten wir bei AVENTHO Unternehmen – von der Auswahl der passenden Plattform über Pilotprojekte bis zum Aufbau tragfähiger Citizen-Development-Strukturen.
Die spannende Frage ist nicht mehr, ob Citizen Development kommt. Sondern: Wie positioniert sich Ihr Unternehmen, bevor es sowieso passiert – nur eben unkontrolliert?



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